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Reconciliation im Kontext von Identity & Access Management (IAM)

In modernen IT-Infrastrukturen bildet Identity & Access Management (IAM) das Rückgrat der sicheren und regelkonformen Benutzer- und Berechtigungsverwaltung. Ein zentrales Ziel von IAM-Systemen ist es, die Kontrolle darüber zu behalten, wer was wann wo darf – und das idealerweise automatisiert, nachvollziehbar und effizient. Doch in dynamischen Umgebungen mit einer Vielzahl von Zielsystemen und Zugriffspfaden stellt sich immer wieder die Frage: Entspricht der tatsächliche Zustand in den Zielsystemen auch dem, was das IAM glaubt?

Hier kommt der Begriff Reconciliation ins Spiel – ein zentraler Baustein im IAM-Betrieb, der oft unterschätzt wird. Der Artikel beleuchtet die Reconciliation im IAM-Kontext, insbesondere mit Blick auf Unterschiede bei direkt angebundenen und nicht direkt angebundenen Zielsystemen.


Was bedeutet Reconciliation?

Der Begriff „Reconciliation“ (deutsch: „Abgleich“, „Versöhnung“) bezeichnet im IAM den Prozess, mit dem der Ist-Zustand von Benutzern und Berechtigungen in Zielsystemen mit dem Soll-Zustand im IAM-System abgeglichen wird. Ziel ist es, Inkonsistenzen zu erkennen und – je nach Regelwerk – automatisch oder manuell zu beheben.

Reconciliation beantwortet Fragen wie:

  • Existiert ein Benutzerkonto im Zielsystem, das nicht im IAM bekannt ist?
  • Hat ein Benutzer Berechtigungen, die laut IAM-Richtlinie nicht zulässig sind?
  • Wurden Änderungen am Account direkt im Zielsystem vorgenommen, ohne dass das IAM darüber informiert wurde?

Diese Art der Kontrolle ist essenziell für:

  • Sicherheitsüberwachung (Access Governance)
  • Compliance (z. B. ISO 27001, SOX, DSGVO)
  • Fehlermanagement und Betriebssicherheit

Reconciliation bei direkt angebundenen Zielsystemen

Definition: Was sind direkt angebundene Systeme?

Direkt angebundene Zielsysteme sind Systeme, mit denen das IAM über definierte Schnittstellen (z. B. REST, SOAP, LDAP, Datenbank-Connectoren) in Echtzeit oder regelmäßig kommunizieren kann. Typische Beispiele:

  • Active Directory / Azure AD
  • SAP ERP/HCM
  • Microsoft Exchange
  • Datenbanksysteme
  • Cloud-Plattformen mit APIs

Vorteile der direkten Anbindung für Reconciliation

Die direkte Anbindung erlaubt es dem IAM-System, regelmäßig und automatisiert Benutzerobjekte, Gruppenmitgliedschaften, Rollen, Systemrechte usw. aus dem Zielsystem auszulesen. Diese Daten werden mit den im IAM-System hinterlegten Soll-Daten verglichen.

Beispielhafter Ablauf einer Reconciliation bei direkter Anbindung:

  1. Datenabzug: Das IAM-System zieht zyklisch (z. B. täglich) die aktuellen Benutzer- und Berechtigungsdaten aus dem Zielsystem.
  2. Abgleich: Es vergleicht diese mit dem internen IAM-Datenbestand.
  3. Abweichungserkennung: Unterschiedliche Stände werden erkannt und klassifiziert (z. B. „verwaiste Accounts“, „nicht genehmigte Berechtigungen“).
  4. Aktionen: Abhängig von der Konfiguration kann das IAM System:
    • ein Ticket generieren
    • eine automatische Bereinigung anstoßen
    • Benutzer sperren oder Rechte entziehen
    • Revision und Auditing informieren

Vorteile

  • Automatisierung: Reconciliation kann regelmäßig und vollautomatisch laufen
  • Schnelle Reaktion: Inkonsistenzen werden früh erkannt
  • Vollständigkeit: Das IAM-System kennt alle aktiven Accounts und Berechtigungen

Herausforderungen

  • Performance: Bei großen Zielsystemen ist die Reconciliation technisch aufwändig
  • Fehlertoleranz: Temporäre Systemfehler oder Netzwerkprobleme können falsche Alarme auslösen
  • Rechte-Mapping: Die technische Berechtigung im Zielsystem muss korrekt mit der Rolle/Regel im IAM gemappt werden

Reconciliation bei nicht direkt angebundenen Zielsystemen

Definition: Was sind nicht direkt angebundene Systeme?

Das sind Systeme, mit denen keine direkte technische Kommunikation besteht. Gründe dafür können sein:

  • Es existieren keine APIs oder Schnittstellen
  • Das Zielsystem ist veraltet oder proprietär
  • Es ist aus Sicherheitsgründen vom Netzwerk isoliert
  • Eine Integration wäre zu aufwändig oder teuer

Wie funktioniert die Reconciliation hier?

Da keine direkte Verbindung möglich ist, muss die Reconciliation auf alternativen Wegen erfolgen. Typische Methoden sind:

  • Manueller Import von Datenexporten: Das Zielsystem stellt regelmäßig CSV- oder Excel-Dateien mit Benutzer- und Rechtestrukturen bereit
  • Skriptbasierte Abfragen: Ein externer Job extrahiert Daten und speist sie in das IAM ein
  • Audit-basierte Reconciliation: Ein interner oder externer Auditor kontrolliert zyklisch stichprobenartig den Soll-Ist-Abgleich
  • Teilautomatisierte Lösungen: Über Middleware-Systeme oder zentrale Logging-Dienste wird eine Art Brücke gebaut

Beispiel:

Ein Alt-System in der Produktion liefert einmal wöchentlich eine CSV-Datei mit allen Nutzerkonten. Das IAM-System importiert diese Datei, vergleicht sie mit dem internen Datenbestand und meldet Abweichungen per Dashboard oder Ticket.

Vorteile

  • Kosteneffizienz: Kein aufwändiger Schnittstellenbau notwendig
  • Flexibilität: Auch exotische Systeme können berücksichtigt werden
  • Provisorische Integration: Ermöglicht Reconciliation auch bei sonst „blinden Flecken“

Herausforderungen

  • Zeitverzögerung: Kein Echtzeit-Abgleich möglich
  • Fehleranfälligkeit: Manuelle Schritte sind störanfällig
  • Geringere Kontrolle: Oft fehlen Metadaten (z. B. Änderungszeitpunkte, Berechtigungsvererbung)
  • Hoher Pflegeaufwand: Skripte, Exporte und Formate müssen laufend aktuell gehalten werden

Kombination aus beiden Welten

In der Realität bestehen hybride Landschaften, in denen sowohl direkt als auch indirekt angebundene Systeme vorkommen. Eine professionelle IAM-Reconciliation-Strategie berücksichtigt daher beides:

  • Direkt angebundene Systeme werden engmaschig kontrolliert
  • Für nicht angebundene Systeme gibt es definierte, reproduzierbare Workarounds
  • Inkonsistenzen aus beiden Welten landen in einem zentralen Governance-Modul, das Transparenz und Auditierung ermöglicht

Best Practices für eine erfolgreiche Reconciliation-Strategie

  1. Dokumentation aller angebundenen und nicht angebundenen Systeme
  2. Klassifizierung der Zielsysteme nach Kritikalität
  3. Regelmäßiger Abgleichsplan (z. B. täglich, wöchentlich, monatlich)
  4. Fein granulierte Regelwerke zur Interpretation von Abweichungen
  5. Eskalationspfade für kritische Abweichungen
  6. Integration mit Ticket- oder SIEM-Systemen
  7. Audit-Trail und Historie der Reconciliation-Ergebnisse
  8. Schulung der Admins für manuelle Importe bei nicht angebundenen Systemen

Fazit

Reconciliation ist kein „Nice-to-have“, sondern ein zentraler Sicherheitsmechanismus im IAM-Kontext. Nur wer regelmäßig prüft, ob der tatsächliche Zustand in den Zielsystemen dem erwarteten Zustand entspricht, kann Risiken minimieren, Compliance gewährleisten und Vertrauen in das IAM-System aufbauen.

Sowohl direkt angebundene als auch nicht angebundene Zielsysteme erfordern spezifische Ansätze – doch beide sind beherrschbar, wenn klare Prozesse, abgestufte Reaktionsmechanismen und Transparenz vorhanden sind.

Ein IAM-System ohne regelmäßige Reconciliation ist wie ein Autopilot ohne Sensoren:
Es fährt zwar – aber ob es noch auf der Straße ist, bleibt unklar.

Heiko Endrigkeit